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Morgen- und Abendlob in der Pfarrgemeinde Nenzing, VorarlbergA) Ein Erfahrungsbericht von Pfr. Hubert Lenz
Als ich vor vier Jahren als Pfarrer nach Nenzing kam, führte ich die regelmäßige Tagzeitenliturgie als Gemeindegottesdienst ein. So feiern wir bei uns in Nenzing jeden Dienstag um 8.00 Uhr das Morgenlob als Gemeindegottesdienst und jeden Donnerstag um 19.00 Uhr das Abendlob. Seit Anfang an kommen etwa zwischen 15 und 25 Leute, die sich im Altarraum versammeln. Interessant ist, dass zu diesen Feiern zur Hälfte andere Leute kommen als zu den Werktagsmessen. Wir sprechen also durch die Tagzeitenliturgie wieder andere Menschen an. Wir haben jedes Mal eine Kantorin oder einen Kantor dabei und singen Hymnen, Lieder, Kehrverse und Psalmen entweder aus dem Gotteslob oder aus den neuen Büchern von Paul Ringseisen.
Das Besondere an unserem Morgen- und Abendlob ist sicher, dass wir Elemente aus der altkirchlichen Gemeinde-Tagzeitenliturgie verwenden, die im Laufe der Zeit leider verloren gegangen sind. Beim Morgenlob machen wir hin und wieder ein Taufgedächtnis. Bei uns steht der Taufstein im Altarraum, daneben die Osterkerze. Wir zünden die Osterkerze an und segnen Wasser. Dann geht jede und jeder zum Taufstein und bekreuzigt sich mit Wasser zur Erinnerung daran, dass wir Getaufte sind und als solche im Namen des dreifaltigen Gottes und mit ihm den neuen Tag beginnen.
Beim Abendlob beginnen wir mit einer Lichtfeier (außer im Sommer, wenn es erst später dunkel wird). Wir versammeln uns im Eingangsbereich der Kirche. Die Osterkerze wird entzündet und die Kantorin oder der Kantor singt eine Lichtpräfation: Wir begrüßen damit Christus, das Licht, das uns leuchtet, auch dann, wenn die Sonne untergeht. Jede und jeder bekommt Licht von der Osterkerze und wir ziehen singend in den Altarraum. Dort singen wir bei elektrischem Licht das Abendlob. Ein weiteres Element ist das Weihrauchopfer. Zum Zeichen dafür, dass wir alle einstimmen in die Hingabe Jesu an den Vater (zumindest versuchen wir es im alltäglichen Leben) treten alle der Reihe nach in die Mitte und legen ein Weihrauchkorn auf. Dabei verwenden wir natürlich nur wohlduftenden Weihrauch (meist aus der Ostkirche).
Zudem halte ich jedes Mal eine kurze Predigt zum verkündeten Bibeltext oder es liest jemand einen geistlichen Text vor (z.B. ein Wort zum Sonntag aus unserer Tageszeitung, eine Predigt von Bischof Stecher, usw.). Bei Heiligenfesttagen wird aus dem Leben des Heiligen oder der Heiligen vorgelesen. Was mich sehr freut, ist, dass inzwischen auch Jugendliche kommen und wenn ich einmal nicht da bin, ist das auch kein Problem, dann werden diese Gottesdienste von einem Laien geleitet. Ich bin sehr froh, dass ich diese Gemeindegottesdienste aus der frühen Kirche wieder entdeckt habe. Für mich und auch für einige Nenzinger sind sie werktägliche Perlen. Wenn sich jemand dafür interessiert, ist er/sie herzlichst eingeladen mit uns zu feiern.
Pfr. Hubert Lenz, Nenzing, 2002 09
B) Theologische und Praktische Anmerkungen zur Tagzeitenliturgie in der Gemeinde
Das 2. Vatikanische Konzil wünscht, dass das Stundengebet, das Gebet der Kirche, nicht nur von den Priestern und Ordensleuten gebetet wird, sondern auch von Laien bzw. von Gemeinden. Aus verschiedenen Gründen ist das nicht realisiert worden. Ich möchte im folgenden einige Möglichkeiten aufzeigen, wie die Tagzeitenliturgie allmählich doch zur Gemeindeliturgie werden kann:
1. Im ersten Jahr machte ich vor dem Beginn jedes Morgen- und Abendlobs eine kleine Einführung. Dabei nahm ich das Buch von Paul Ringseisen* zu Hilfe. Durch die Beschäftigung mit dem Ringseisenbuch und auch durch eine Vorlesung des Innsbrucker Liturgieprofessors über die Tagzeitenliturgie, die ich während meines Doktoratstudiums hörte, ist mir selber einiges neu aufgegangen.
2. Ein richtiges "aha"-Erlebnis war für mich, als ich allmählich begriff, dass nicht nur die Eucharistie Feier des Paschamysteriums (Feier von Jesu Tod und Auferstehung) ist, sondern auch die Tagzeitenliturgie, vor allem Laudes (Morgenlob) und Vesper (Abendlob). So schreibt Ringseisen in seinem Buch: "Die christliche Frühzeit kannte Tag für Tag morgens und abends die Feier der österlichen Erlösung in Christus in der alltäglichen Form einer Tagzeitenliturgie; nur an Sonn- und Feiertagen (bzw. aus gegebenem Anlass) kam die Feier der Eucharistie in der Vollversammlung der Gläubigen als ‚Höhepunkt und Krönung hinzu (J.A. Jungmann)’" Wahrscheinlich müssen wirklich zuerst die Verantwortlichen in der Kirche die Tagzeitenliturgie als Feier von Tod und Auferstehung Jesu neu entdecken.
3. Ein zweites "aha"-Erlebnis war für mich in der regelmäßigen Feier von Morgen- und Abendlob das Erleben der Tagzeiten. Kurz nach dem "Aufstehen" versammeln sich etwa 20 bis 25 Menschen, um Gott für das "Aufstehen" zu danken und für die Auferstehung Jesu. Bei sonnigem Wetter leuchtet die Sonne durch die Kirchenfenster herein. In der aufgehenden Sonne sehen wir Christen ja den auferstehenden Christus. Wenn Wolken die Sonne verdecken, so wissen wir, dass hinter dem Grau des Alltags die Sonne für uns scheint. Vor allem im Winterhalbjahr ist die Lichtfeier am beginnenden Abend ein sehr eindrückliches Zeichen dafür, dass Christus bei uns ist und uns leuchtet, auch wenn die Sonne untergegangen ist. Aufgrund des elektrischen Lichtes erleben ja die Menschen diese Übergänge von der Nacht zum Tag und vom Tag zur Nacht kaum mehr bewusst mit. Die gemeinsame Feier der Tagzeitenliturgie kann da eine Hilfe sein, in diesen natürlichen Übergängen den von Gott geschenkten Tag bewusster zu leben und zu erleben.
4. In der Frühzeit der Kirche gab es zwei Formen der Tagzeitenliturgie: das "monastische Offizium" (Tagzeitenliturgie in den Klöstern) und das "Kathedraloffizium" (Tagzeitenliturgie in der Bischofskirche bzw. – heute würde man sagen – in der Gemeinde). Sie unterschieden sich insofern, dass die Liturgie in den Klöstern – weil von Spezialisten gefeiert – anspruchsvoller war und die Gemeindeliturgie menschennaher war. Weil die Tagzeitenliturgie als Gebet der Kirche immer mehr zum Gebet der Klöster und der Priester wurde, verschwand in der weiteren Geschichte das "Kathedraloffizium" und erst heute versuchen wir, verschiedene Elemente aus diesem Gemeindegottesdienst für unsere in der Gemeinde oder in Gemeinschaft gefeierten Tagzeitenliturgie neu zu entdecken. An erster Stelle steht da die abendliche Lichtfeier, die wir vom Beginn der Osternachtsfeier her kennen, oder auch das Weihrauchopfer (zur Konkretisierung dieser beiden Riten siehe obiger Erfahrungsbericht). Ein weiteres Element, das im Kathedraloffizium sehr im Vordergrund stand, waren die Fürbitten, die sehr schön zum Ausdruck bringen, dass es Gebet der Kirche und somit stellvertretendes Gebet ist. Im kleinen Kreise könnte das auch durch freie Fürbitten konkretisiert werden. 5. Ein vermutlich nicht zu unterschätzender Aspekt ist auch die Frage der Leitung. Tagzeitenliturgie und auch Wortgottesdienste werden von den Gemeinden so lange nicht angenommen werden, solange sie Ersatzgottesdienste für die Messe sind. Natürlich, der sonntägliche Wortgottesdienst kann nur ein Ersatzgottesdienst sein. Aber am Werktag schaut das anders aus. Von der Geschichte her ist die Tagzeitenliturgie am Werktag älter als die Werktagsmesse. In meiner Pfarrei sind das Morgen- und Abendlob an den jeweiligen Tagen der Werktagsgottesdienst. Auch leite ich Morgen- und Abendlob selber. Ich bringe damit auch vor den Leuten zum Ausdruck, dass die Tagzeitenliturgie genauso wie die Eucharistie ein Werktagsgottesdienst der Gemeinde ist und nicht einfach nur ein Ersatz, nur weil der Pfarrer nicht da ist. Dasselbe gilt übrigens auch für werktägliche Wortgottesfeiern. Und wenn ich einmal nicht da bin, brauche ich keine Aushilfe oder einen Ersatzgottesdienst sondern ein Laie aus der Gemeinde leitet das Morgen- oder Abendlob. Das Gelingen der gemeindlichen Tagzeitenliturgie hängt sehr von der Einstellung und Motivation der Pfarrer ab.
Nach vielen Gesprächen in und außerhalb unserer Diözese habe ich das Gefühl, dass die Tagzeitenliturgie doch ganz langsam in unseren Gemeinden Fuß fasst. Inzwischen geht es mir so, dass mir etwas fehlt, wenn ich einmal nicht beim gemeinsamen Morgen- oder Abendlob dabei sein kann. Aus dem eigenen Erleben und aus der eigenen Erfahrung kann ich jeden Pfarrer und jede Gemeinde nur dazu ermutigen, sich auf die Tagzeitenliturgie einzulassen. Es ist eine Bereicherung für die Gemeinde und nebenbei habe ich auch für das private Stundengebet wertvolle Impulse bekommen.
Dankbar wäre ich über Rückmeldungen bzw. Erfahrungsberichte, wie es anderen Pfarrern und/oder Liturgieverantwortlichen mit der Tagzeitenliturgie geht. Pfr. Hubert Lenz, Nenzing (hubert.lenz@utanet.at)
*: Paul Ringseisen, Morgen- und Abendlob mit der Gemeinde. Geistliche Erschließung, Erfahrungen und Modelle. Herder-Verlag, Freiburg, 2. Auflage 2002
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