Bibel und Liturgie

Von der Zuwendung Gottes und der Antwort des Menschen

 

Unser Glaube gründet nicht in einem Entschluss der Menschen, nicht in einer menschlichen Leistung, sondern zuerst in einer Initiative Gottes, der sich uns Menschen zuwenden will. Die Initiative Gottes, das Angesprochenwerden des Menschen durch Gott, nennt man auch "Offenbarung" oder "Selbstmitteilung Gottes". Dieser Initiative Gottes folgt die Antwort von seiten des Menschen, indem er sich auf den Weg macht, um "Gottes Wege" zu gehen und sich auf ihn einzulassen. Dieses Nachgehen ist möglich aufgrund der Verheißungen Gottes und aufgrund der Hoffnung, die den Menschen trägt. Der "neue Wege mit Gott" schenkt dem Menschen neue Erfahrungen – Erfahrungen des Lebens mit Gott.

Die Bücher der Heiligen Schrift sind Dokumente dieser Erfahrungen von Menschen mit Gott, Erfahrungen von Menschen auf dem "Weg-Gottes", der aus der Offenbarung hervorgeht. In den vielfältigsten Formen, aus den verschiedensten Zeiten, Umständen und Kulturepochen wurden für unterschiedlichste Anlässe und Hörer (Leser) Texte verfasst, Ereignisse aufgezeichnet, Lieder gesungen, ... .

Aus dieser großen Vielfalt haben sich im Laufe der frühen Geschichte Kirche ganz bestimmte "Bücher" im "Gottesvolk" und für das "Gottesvolk" besonders bewährt. Diese wurden zusammengetragen, neu zusammengestellt und als "Kanon der Heiligen Schrift" den Generationen weitergegeben.

Die Heilige Schrift ist also Dokument und Zeugnis des Lebens Gottes mit seinem Volk und des Volkes Gottes mit "seinem" Gott. Sie ist Dokument und Zeugnis der Hoffnung und der Erfahrung der Menschen und des Volkes Gottes, die sich auf den Anruf Gottes eingelassen haben und seinem Weg folgten.

Die Offenbarung Gottes ist durch die Geschichte hindurch auf vielfältige Weise geschehen. "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn" (Hebr 1,1-2). Die "objektive" Offenbarung, so wie Gott sich selber den Menschen zuwendet, hat also in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ihren unüberbietbaren Höhepunkt gefunden. Über das "fleischgewordene Wort" hinaus gibt es keine, in ihrem Kern neue Offenbarung mehr.

Eine andere Frage ist die des Verstehens der Offenbarung durch die Menschen. Jedes Verstehen ist immer unvollständig, abhängig von der jeweiligen Zeit, Kultur, von den Umständen, Fragestellungen, Hörern, etc. D. h. der Mensch muss sich immer wieder neu bemühen, in rechter Weise von seiner Situation her das zu verstehen, was Gott schon geoffenbart hat und ihm heute sagt.

 

Um die Heilig Schrift recht "verstehen" zu können, ist folgendes zu beachten:

Derselbe Gott, der sich Abraham, Moses, Jeremia, Ruth, Maria, Jakobus etc. zugewandt hat, wendet sich auch uns heute, Jahrhunderte nach der Schriftwerdung, in gleicher Weise zu.

Derselbe Gott hat an jedem einzelnen von uns, an den Menschen und an der Welt heute nicht minder Interesse als vor 4000 oder 2000 Jahren.

Derselbe Gott engagiert sich in der heutigen Welt und unter uns in gleicher Weise wie zu den Zeiten der Propheten.

Wie die Menschen der biblischen Zeiten sind auch wir heute verwiesen auf Erfahrungen, die andere Menschen mit diesem Gott gemacht haben, und auf deren Hoffnung.

Auch wir sind betroffen vom Anspruch Gottes an uns, weil sich Gottes Anspruch im Konkreten verdeutlicht.

Die Erkenntnis des Weges Gottes können auch wir nur über den Weg der Erfahrung und des Vertrauens gewinnen.

Mit diesen Menschen teilen wir die Grundhoffnungen ebenso wie die Grunderfahrungen aller Menschen.

Die Beziehung Gottes zu uns, unsere Hoffnung und Erfahrung sind jene Konstanten, die uns mit den biblischen Menschen gleichstellen und auf deren Hintergrund wir die Heilige Schrift zu verstehen suchen können.

Was uns von den biblischen Menschen unterscheidet, sind die Unterschiede in Kultur, Sprache, Ausdrucksweise, Lebensform, Weltbild usw. Die wissenschaftliche Exegese versucht u.a. Kenntnisse über den Hintergrund dieser Menschen in ihre Auslegung der Bücher der Heiligen Schrift einzuarbeiten. Dies ist eine bedeutende Hilfe für das rechte Hören und Lesen der Schrift. Fruchtbar im Glauben werden die Hintergrundinformationen aber erst dann, wenn sie hinführen zur Wiederentdeckung der persönlichen Erfahrung und Hoffnung in den Erfahrungen und Hoffnungen, wie sie in den Dokumenten und Zeugnissen der Bibel niedergelegt sind.

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Die Heilige Schrift als "Symbol"

 

Zum Wesen eines Symbols gehören,

dass es nie endgültig interpretierbar ist, sondern es dem Menschen ermöglicht, immer wieder neu sein Leben darin zu entdecken und neue Orientierung für ihr Leben zu finden;

dass es durch seine spezifische Art der gleichzeitigen fragmentarischen und vollständigen Darstellung einer Wirklichkeit immer auch mit Tabus umgeben ist;

dass es - zugleich mit den Tabus - auch Gegenstand der Verehrung ist.

 

Die Heilige Schrift wird zu einem Symbol,

weil in ihr die Wirklichkeit Gottes mit den Menschen und mit der Welt nur fragmentarisch dargestellt wird und dargestellt werden kann;

weil in ihr – auch wieder fragmentarisch - Grunderfahrungen und Grundhoffnungen der Menschen ausgesprochen werden;

weil die Menschen mit den eigenen Erfahrungen und Hoffnungen sich in ihr widergespiegelt finden und die Wirklichkeit Gottes mit den Menschen und der Welt für sich selber als Anruf annehmen.

 

Die Heilige Schrift ist ein Symbol nicht nur für die einzelnen Christen, sondern wesentlich auch für die Gemeinschaft der Christen, für die gesamte Kirche. Dadurch wird die Heilige Schrift auch zu einem Zeichen der Einheit (auch über die Jahrhunderte).

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Die Bibel in der Liturgie

 

Die Liturgie in ihrer Gesamtheit ist die Darstellung des Lebens Gottes mit den Menschen und des Lebens der Menschen untereinander und mit Gott. In der Liturgie müssen die Erfahrungen und Hoffnungen, wie sie in der Bibel dargelegt sind, Platz haben.

Zur Aufgabe der Liturgie gehört es,

in einer großen Breite die einzelnen Bücher der Heiligen Schrift den im Namen Gottes Versammelten vorzustellen (neue Leseordnung),

die Aussagen der Bibel zu deuten

und den versammelten Gläubigen zu helfen, ihre eigenen Erfahrungen in den Zeugnissen der Bibel wiederzuerkennen.

 

Die Bibel richtet auf, richtet aus (d.h. gibt Orientierung) und richtet (weist zurecht).

Die Bibel ist Teil der Liturgie und auch Teil der außerliturgischen Verkündigung. So gehören zusätzlich zum Lesen aus der Heiligen Schrift:

die Homilie und die Predigt,

Betrachtungen zur Heiligen Schrift,

Texte und Lieder zur Heiligen Schrift,

ergänzende Zeichen usw.

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Die Bibel als "Symbol" in der Liturgie

 

Die Liturgie selber ist auf ihre Art ein "Symbol", in dem die Bibel als Symbol besonders zur Geltung kommt. Das kann sich in verschiedener Art und Weise zeigen:

Die Heilige Schrift, die Bibel, ist ein besonderes, ein festliches Buch.

Feierlicher Einzug mit vorangetragener Bibel.

Eigener, selbständiger liturgischer Ort für die Bibel: Ambo

Evangelienprozession mit dem Evangeliar

Begrüßung des Herrn im Wort der Bibel durch den "Ruf vor dem Evangelium".

 

Von daher soll das Wort aus der Bibel als Wort Gottes nicht von irgendeinem Zettel sondern aus dem festlichen Buch, Bibel. Lektionar, Evangeliar gelesen und bezeugt werden.

 

Zur Beachtung der Bibel als "Symbol" gehört auch, dass die in der Einheit mit der ganzen Kirche vorgesehenen Lesungen (Perikopen) vorgetragen werden. Eigene Perikopen sollen nur aus wichtigen Gründen frei ausgesucht werden.

 

 

Abschließende Gedanken

 

Grundbotschaft der Bibel ist die Erfahrung, dass Gott selber es ist, der sich den Menschen zuwendet.

Gott schließt seinen Bund mit den Menschen, Gott heilt, Gott solidarisiert sich mit den Ärmsten, Gott ist Erlöser. Seine Zuwendung ("Dienst") zu uns Menschen – zu unserem Heil – ist zuerst und grundlegend.

Die Antwort von uns Menschen besteht im vertrauenden Bitten, Danken, Loben, Preisen und Feiern.

Unsere Gottesdienste sind die liturgische Antwort auf diesen zuvorkommenden Dienst Gottes, auf seine Zuwendung zu uns Menschen und auf seine Liebe zu allen Geschöpfen.

 

Mag. Christian Nuener

Seelsorgeamt der Diözese Innsbruck, 2003

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Stand: 19. November 2010