Neue Wege in der Pfarre Nenzing
in Sachen
"Umkehr, Buße und Versöhnung"
Aus einem Brief des Pfarrers
an die Pfarrgemeinde Nenzing in Vorarlberg
Situation des "Bußsakramentes"
Mein Kaplan und ich waren kurz vor
Weihnachten je eine Stunde im Beichtstuhl in unserer Pfarrkirche Nenzing. In
diesen zwei Stunden hatten wir beide noch genug Zeit, um in einem Buch zu lesen.
Die traditionelle Form der Beichte scheint bei uns in Nenzing und in
Mitteleuropa im Großen und Ganzen "gestorben" zu sein. Es überrascht
auch, dass auch in den Klöstern und vor allem an Wallfahrtsorten die
Beichtfrequenz sehr stark zurückgegangen ist.
Andererseits ist es eine Tatsache, dass
Schuld und Umgang mit Schuld ein existentielles Thema ist, das jeden Menschen
betrifft. Es ist also dringend notwendig (Not wendend), dass wir als Kirche –
konkret auch als Pfarrgemeinde – neue Wege in Sachen "Umkehr, Buße und
Versöhnung" suchen, anbieten, ausprobieren.
Wichtige Vorbemerkungen
Um es gleich vorwegzunehmen, dieser Versuch
eines neuen Weges von Umkehr, Buße und Versöhnung ist einerseits abgedeckt
durch das kirchliche Lehramt, andererseits sind es alles Formen, die es in
unserer 2000 jährigen kirchlichen Tradition schon gegeben hat.
Viele Katholiken wissen nicht, dass auch
die Kirche in Sachen "Bußsakrament" sehr offen ist. Das sieht man –
nebenbei bemerkt – schon daran, dass es im deutschen Sprachraum noch immer nur
eine Studienausgabe und noch immer kein endgültiges Rituale zur Feier der
Versöhnung gibt. Und das Konzil von Trient schreibt nur vor, dass jeder einmal
jährlich seine schweren Sünden zu beichten hat. Zur Vergebung der
"alltäglichen" Sünden und Fehler ist die Beichte nicht notwendig,
wird aber empfohlen (Katechismus der Kath. Kirche 1457f). Es gilt nach wie vor.
Wenn jemand schwere Schuld auf sich geladen
hat, und schwere Schuld bringt einen normalen Menschen durcheinander, dann ist
es schon aus psychologischen und noch mehr aus existentiellen Gründen notwendig
(Not wendend), dass er/sie die Schuld ehrlich bekennt und im Auftrag Gottes und
der Kirche vom Priester ganz persönlich Vergebung zugesprochen bekommt. Es geht
bei unserem "neuen Weg" also vor allem um die alltägliche Schuld. Die
Vergebung schwerer Sünde und Schuld bleibt an das Sakrament der Buße gebunden.
Wichtig ist auch zu sehen, dass es bei
diesem Weg schlussendlich nicht um die Form geht, sondern darum, dass jemand,
der schuldig geworden ist, ehrlich umkehrt und sich versöhnt und dass ihm
Vergebung zugesprochen wird. Darum ist hier auch die Frage nach der Gültigkeit
fehl am Platz, denn Gott verzeiht jedem, der umkehrt und sich versöhnt. Die
Frage ist, wie wir das existentiell und liturgisch feiern.
Die Anregungen für diesen neuen Weg haben
wir vom Regensburger Liturgieprofessor August Jilek bei der diözesanen
Liturgietagung am 30./31.1.2004 in Nenzing erhalten (nachzulesen sind diese
Gedanken in seinem Buch: Jilek A., Basiswissen Christliche Liturgie. Aufhausen
2000, 136 – 164).
Überlegungen zum Problem der Beichte
Viele Menschen können mit der Beichte
nichts mehr anfangen. Das hat verschiedene (berechtigte und manchmal vielleicht
auch unberechtigte) Gründe. Dazu gehören u. a. lebensfremde Beichtspiegel,
mangelndes Sündenbewusstsein (das andere Extrem zu früher), Häufigkeit, Druck
von der Kirche, Koppelung von Beichte und Kommunionempfang und anderes mehr.
Bei der gewohnten Form der
Sakramentenspendung zeigt sich als Problem, dass alles in einer
verhältnismäßig kurzen Feier geschieht.– das Bekenntnis und die
Lossprechung – bzw. dass Wesentliches zu kurz kommt, nämlich die Umkehr und
die rechte Buße. Die übliche Buße, die bei der Beichte oft gegeben wird,
weist oft in die falsche Richtung; eine gute Tat hat oft wenig zu tun mit der
notwendigen Lebensänderung und ein Gebet ist erst recht keine Buße. Ähnliches
lässt sich auch über die bisherige Form des Bußgottesdienstes sagen. Auch
dort kommen Umkehr und Buße zu kurz.
Dieser "neue" Weg in der Pfarre
Nenzing ist ein Prozess vom Eingeständnis der eigenen Schuld über die Umkehr
und über das Buße-tun bzw. sich ändern bis hin zur Versöhnung mit sich
selber, mit den Menschen und mit Gott. Um dieses Weghafte und Prozesshafte in
einen Umkehr-, Buß- und Versöhnungsvorgang zu integrieren lohnt sich ein Blick
in die Geschichte der Bußliturgie.
Blick in die Geschichte
Ähnlich wie die Taufbewerber sich auf den
Weg machen mussten und sich durch eine christliche Lebenspraxis auf die Taufe
vorbereiteten, mussten sich im 3./4. Jahrhundert auch die Büßer auf den Weg
machen, um ihr Leben zu ändern und durch eine christliche Lebenspraxis auf die
Wiederversöhnung vorzubereiten. Das geschah meist in der Zeit der 40 Tage vor
Ostern. Am Gründonnerstag wurden dann die Büßer wieder in die eucharistische
Gemeinschaft aufgenommen. Da ging es zuerst einmal um die schweren Sünder. Aber
allmählich solidarisierten sich auch die anderen mit ihnen und so wurde aus der
Vierzigtagezeit die österliche Bußzeit bzw. die Fastenzeit, weil eben in
dieser Zeit zusammen mit den schweren Sündern Buße getan und gefastet wurde.
Buße tun hat dabei aber nichts mit Strafe zu tun. Buße ist auch nicht etwas
wie eine Dankesleistung für erlangte Vergebung, sondern Buße-tun heißt: die
falsche Lebenspraxis ändern.
Die Änderung konkreter Lebensorientierung
und Lebenspraxis braucht Zeit. Noch um die Wende vom ersten zum zweiten
Jahrtausend hieß es in den Gottesdienstordnungen: Jeder Büßer wird mit der
Auflage entlassen, sich zunächst eine Zeitspanne hindurch intensiv um Besserung
seiner Lebensführung zu bemühen; danach erst wird Versöhnung gefeiert. Dazu
gehört auch ganz wesentlich die Versöhnung mit konkreten Mitmenschen.
Das eigentliche und erste Sakrament der
Versöhnung ist die Taufe. Am Ende der Vierzigtagezeit, die zur Bußzeit
geworden ist, stand das Sakrament der Wiederversöhnung (wie das Sakrament heute
noch offiziell in der lateinischen Sprache heißt). Diese Wiederversöhnung
wurde – wie die Taufe – in einem Gottesdienst gefeiert, eben am
Gründonnerstag.
Als im 6. Jahrhundert die iro-schottischen
Mönche das europäische Festland missionierten, brachten sie die Beichte mit.
Die Besonderheit der Einzelbeichte lag nicht in der sogenannten Lossprechung.
Lange Zeit gab es im Zusammenhang mit der Beichte auch gar keine Lossprechung
von den Sünden. Das Besondere lag (und liegt) vielmehr in der persönlichen
Aussprache und der darauf bezogenen seelsorglichen Begleitung. Daher war es
damals durchaus üblich auch bei Laien zu "beichten". Erst allmählich
kam die Lossprechung dazu und die Beichte entwickelte sich zum
"privaten" Bußsakrament. Der gemeinschaftliche und liturgische Aspekt
von Vergebung und Versöhnung gingen dabei verloren. Auch wurden in dieser Art
der Beichte nun alle Sünden gebeichtet, nicht nur die schweren.
Umkehr, Buße und Versöhnung als Weg mit
zwei Stationen – Aufteilung in zwei Gottesdienste
Durch diesen Blick in die Geschichte
ermutigt und um dem Wegcharakter gerecht zu werden soll die Vierzigtagezeit, die
österliche Bußzeit, für einen jährlichen Weg der Umkehr, Buße und
Versöhnung genutzt werden. Dabei soll am Anfang – am Aschermittwoch – ein
Bußgottesdienst stehen und am Ende – etwa in der Woche vor der Karwoche –
ein Versöhnungsgottesdienst, damit wir dann als Versöhnte das Paschageschehen
– Jesu Leiden, Tod und Auferstehung – feiern können. Und dazwischen?
Dazwischen gilt es auf verschiedene Art und Weise Buße zu tun; davon später
noch.
Bußgottesdienst am Aschermittwoch
Am Beginn der Vierzigtagezeit, am
Aschermittwoch, soll ein Bußgottesdienst stehen. Nach der Wortverkündigung
werden Fragen der Besinnung und der Aufruf zur Umkehr mit auf den Weg gegeben,
zeichenhaft zum Ausdruck gebracht durch das Aschenkreuz.
Am Aschermittwoch sollte eigentlich keine
Eucharistie gefeiert werden, denn jedes der beiden Zeichen (Aschenkreuz als
Bußritus und die Eucharistie mit der Hl. Kommunion) entfalten existentiell und
auch liturgisch ihre Kraft, wenn sie in ihrer jeweiligen Eigenart erstgenommen
werden. Die Eucharistie ist ja das Mahl der Versöhnten ist (die Büßer waren
früher überhaupt bis zur Wiederversöhnung von der Hl. Kommunion
ausgeschlossen).
Versöhnungsgottesdienst am Mittwoch vor
Palmsonntag
Früher wurde die Wiederversöhnung in der
Messfeier vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag gefeiert, damit dann alle als
Versöhnte das Triduum sacrum – die Heiligen drei Tage vom Leiden, Tod und
Auferstehung unseres Herrn – feiern konnten. Da dadurch die Feier vom Letzten
Abendmahl am Gründonnerstag mit einer weiteren für das Gemeindeleben ganz
zentralen Feier der Versöhnung überfrachtet würde, liegt es nahe, für die
Feier des (Wieder)Versöhnungsgottesdienstes einen anderen Tag zu wählen, etwa
den Mittwoch vor Palmsonntag.
Bei diesem Versöhnungsgottesdienst wird
zuerst im Wort Gottes die Botschaft von der Versöhnung durch Gott verkündet.
Darauf folgt das gemeinsame Schuldbekenntnis. Dann wird jedem einzelnen ein Wort
der Vergebung zugesagt und als Zeichen der Wiederversöhnung bekreuzigen sich
alle – in Erinnerung an die Taufe – mit gesegnetem Wasser.
Durch diese gemeinsam gefeierte Versöhnung
kommt auch ganz klar zum Ausdruck, dass die Versöhnung letztlich keine
Privatsache ist, sondern Sache der ganzen Pfarrgemeinde, denn es geht ja auch um
die Versöhnung mit und in der Kirche, die sich in der Pfarrgemeinde
konkretisiert. Die Vorbereitung (Umkehr und Buße) ist Sache des einzelnen, die
Feier der Versöhnung jedoch ist Sache der Kirche.
Zeit zwischen den beiden Feiern: Zeit der
Umkehr und Buße
Wichtig ist die Zeit zwischen den beiden
Gottesdiensten. Diese Zeit kann und soll genutzt werden als Zeit der Umkehr und
Buße. Angeregt durch den Bußgottesdienst am Aschermittwoch soll jeder sein
eigenes Leben und seine Lebenspraxis überdenken: Wo muss ich mich ändern? Wo
muss ich umkehren? Wo versuche ich an mir zu arbeiten? Es ist also Zeit für
Seelenarbeit und Zeit für eine Lebensrevision, d. h. für eine "von Herzen
versuchte Änderung der Lebenspraxis".
Hilfreich und sinnvoll kann dabei ein
Gespräch mit einem vertrauten Menschen sein und – wie gesagt – da es nicht
um das Sakrament der Buße handelt, muss diese Vertrauensperson nicht unbedingt
ein Priester sein.
Vielleicht ist es bei dem einen oder
anderen auch wirklich Zeit wieder einmal zu beichten, seine Sünden vor dem
Priester zu bekennen und die Lossprechung zu bekommen. Wir werden heuer die
vorösterlichen Beichtgelegenheiten in die Zeit vor dem Versöhnungsgottesdienst
vorverlegen. Es können auch Beichtgespräche beim Kaplan oder bei mir gemacht
werden. Und wie immer können natürlich auch Beichtgelegenheiten in den
Nachbarpfarreien bzw. auch in den Klöstern wahrgenommen werden.
Eine ganz wesentliche – vielleicht die
schwierigste – Station auf dem Weg der Umkehr, Buße und Versöhnung ist die
Versöhnung mit konkreten Mitmenschen. Dabei geht es sowohl um das Vergeben und
Verzeihen als auch um das Bitten um Verzeihung.
Dieser Weg setzt den Glauben an die
Vergebung durch Gott voraus. Darum eignet sich die vierzigtägige Bußzeit in
besonderer Weise auch dazu, den Glauben an Gott zu vertiefen und das eigene
Leben neu auf Gott hin auszurichten.
Die Zeit zwischen beiden Gottesdiensten am
Anfang und am Ende der österlichen Bußzeit ist genauso wichtig wie die
Gottesdienste selber.
Ermutigung, sich auf diesen neuen Weg
einzulassen
Die Erfahrung eigener und fremder Schuld
trifft jeden Menschen. Und darum ist es notwendig – d.h. Not wendend –, dass
aus dem reichen "Schatz" unserer Kirche gute und bewährte Formen des
Umgangs mit der Schuld ausgegraben und angeboten werden. Für jeden sind. Für
jeden sind die Aufarbeitung der Schuld, die Bitte um Vergebung und die Erfahrung
der Versöhnung höchst aktuell.
Als euer Pfarrer bitte und ermutige ich
euch, liebe Pfarrgemeinde von Nenzing, euch auf diesen alten "neuen"
Weg einzulassen! Es kommt – wie gesagt – schlussendlich nicht auf die Form
an, sondern darauf, dass wir wirklich umkehren, Buße tun und mit uns selber,
mit den Mitmenschen und vor allem mit Gott versöhnen. Wenn wir uns auf den Weg
der Versöhnung machen, dürfen wir darauf vertrauen, dass uns Gott mit seinen
offenen Armen entgegenkommt – wie wir es aus dem Gleichnis vom Barmherzigen
Vater her kennen.
Dr. Hubert Lenz
Pfarrer von Nenzing, Vorarlberg (2004)