Das Brauchtum allgemein

und die Kräutersegnung

am Hochfest Aufnahme Mariens in den Himmel

 

Das Brauchtum, das gerade heute immer mehr geschätzt wird, ist ein wichtiges Element zur Vergegenwärtigung des Lebens. Wenn so mancher Brauch auch noch mehr der oberflächlichen Folklore verpflichtet ist und vielerorts als Fremdenverkehrsattraktion gehandelt wird, so ist doch hinter dieser Oberflächenfassade unverkennbar die tiefe Sehnsucht der Menschen nach zeichenhafter Darstellung ihrer Lebenswurzeln, ihrer Beziehung zur Schöpfung, und damit verbunden, ihre Frage nach dem Sinn des Lebens zu entdecken.

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Das Brauchtum ist also zutiefst mit dem Leben des Menschen verbunden. In ihm spiegelt sich kontinuierliche Lebenserfahrung, die in sinndeutenden Zeichen transparent gemacht wird und zum Innehalten und zur Besinnung über das Leben anregt und auffordert. Bräuche haben ihre Wurzel im analogen Denken des Menschen, also im kreativ – bildhaften Darstellen seiner eigenen und der ihn umgebenden Wirklichkeit. Ritualisierte Symbole werden dabei über Generationen hinweg zu identitätsstiftenden Zeichen von Menschengruppen in einer bestimmten geographischen und kulturellen Gegebenheit mit all den Beziehungen zwischen Mensch und Natur und Mensch zu den Wirklichkeiten, die er zwar wahrnimmt und denen er ausgesetzt ist, die er aber nicht durchschaut und damit beherrschen kann.

Darum ist das Brauchtum stets von einem starken Gemeinschaftsbezug geprägt. Es setzt Gemeinschaft voraus und bildet immer wieder neu Gemeinschaft von Menschen, die im gemeinsamen Vollzug eines Brauches die Gemeinsamkeiten ihres Lebens und ihrer Lebensschicksale erfahren und damit ihre gegenseitige Solidarität vertiefen.

Das Brauchtum ist eine ausdrückliche Hilfe bei der Sinnorientierung des Menschen. Den verschiedenen Bräuchen liegt eine letztgültige Lebenserfahrung und –weisheit zugrunde, die in der Brauchtumspflege in das Heute hinein aktualisiert wird und den Sinn des Lebens in vielen Facetten transparent macht. Darüber hinaus erfasst der Mensch mit allen Gemütskräften sein Dasein im großen Zusammenhang der Schöpfung. Das verhindert eine ausschließlich Rationalisierung und eindimensional ausgerichtete intellektuelle Definition des Lebens und der Welt, in das dieses Leben eingebettet ist.

Das Brauchtum ist zudem auch eine Ritualisierung des Lebens mit den symbolischen Ausdrucksmittel des Menschen und hat auf diese Weise immer eine Nähe zur Religion in ihrem transzendentalen Bezug zum Göttlichen. So lässt sich in unserer noch christlich geprägten Kultur der heidnische Ursprung vieler Bräuche nachweisen, die dann im Glauben der Kirche eine Weiterdeutung auf das Heilsgeheimnis der Menschwerdung Gottes und des Erlösungsgeheimnisses in Tod und Auferstehung Jesu erfuhren.

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Diese Entwicklung lässt sich auch sehr augenscheinlich in der Kräuterweihe am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, am 15. August, darstellen:

Kräuter und ihre heilende Wirkung waren schon immer für die Menschen aller Kulturen einerseits lebenswichtig, und weil mit dem Leben verbunden, andererseits immer Geschenke des Himmels oder der Gottheit. Gerade dort, wo Mensch und Schöpfung noch in einer heilvollen Symbiose zusammenleben, ist das Geheimnis heilbringender Kräuter rituell (in Form von Gebet und Bräuchen bei der Ernte) besonders hervorgehoben. Die Kenntnis um die Heilkraft von Kräutern und die Anwendung ihrer Heilkraft bewirkt sehr oft eine besondere Stellung in einer menschlichen Gemeinschaft. Diese Kenntnis wurde von Generation zu Generation weitergegeben und erweitert. Heilkraft und Heilung sind im Christentum immer die Zeichen der liebenden Zuwendung Gottes zu den Menschen. Gott ist ja Mensch geworden, um uns zu erlösen und uns Heilung zu schenken. Alle Mittel der Natur sind so sichtbare Zeichen dieser erlösenden und heilenden Hingabe Gottes an die Menschen.

Maria war in diesem Zusammenhang in besonderer Weise von dieser Liebe Gottes bedacht, sie ist das heile Geschöpf vom ersten Augenblick ihres Lebens an und darum darf es nicht verwundern, dass gerade sie, seit dem 10. Jahrhundert nachweisbar, mit den Heilkräutern in Verbindung gebracht wurde. Die Vollendung in der Herrlichkeit Gottes durch ihre Aufnahme in den Himmel ist darum das geeignete Fest, um den Menschen die heilwirkende Kraft Gott als Segen für die Menschen und als Zeichen letztgültiger Erlösung nahe zu bringen.

So werden an diesem Fest die verschiedenen, für eine Region typischen Heilkräuter zusammengestellt und gesegnet. Sie dienen vor allem als Medizin für die Menschen und für das Vieh, aber auch darüber hinaus als Schutz vor Gewitter und Seuchen.

Alle diese Aspekte fasst in der Liturgie der Kirche dann das Segensgebet über die Kräuter zusammen:

Dr. Gustav Pirich

(2002)

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Stand: 07. Oktober 2008