Eucharistie – Predigten

17. - 19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

 

Predigtgedanken

zum 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Sonntag, 27. Juli 2003

 

Erste Lesung: 2 Kön 4,42–44

Zweite Lesung: Eph 4,1–6

Evangelium: Joh 6,1–15

 

"Warum Jesus Brot nahm"

 

1. Jesus – das Zeichen für Gott

Das Jahr 2003 wurde nicht nur zum Jahr der Bibel erklärt, sondern auch zum Jahr des Wassers. Es steht dabei nicht die Nutzung des Wassers zur Erzeugung von Energie im Vordergrund, sondern der Wert des Wassers für das Überleben des Menschen in den verschiedenen Zonen der Welt. Wasser wird dabei zum Symbol des Lebens: Ohne Wasser gibt es kein Leben! Als Christen denken wir noch weiter: Wasser ist Symbol des ewigen Lebens, das in der Taufe geschenkt wird, und Zeichen der Reinigung von Schuld. So ist das Wasser ein typisches Beispiel, wie der Mensch natürliche Dinge zu einem Symbol für das Begreifen von religiösen Inhalten macht und benötigt. So ist ihm das Licht Symbol für das Gute, die Dunkelheit für das Böse; das Herz begreift er als Sitz der Liebe.

Symbole sind die Sprache der Religionen. So verehren die Muslime die Kaaba, den heiligen Stein, in Mekka, die Buddhisten sehen in der Statue Buddhas das Göttliche. In jeder Religion gibt es heilige Bilder und heilige Orte.

Auch in unserem christlichen Gottesdienst haben wir viele Symbole und Symbolhandlungen. Doch was ist das eigentliche Symbol der Christen für Gott? Ihr Symbol für Gott ist ein Mensch, Jesus von Nazaret. Seine Menschheit ist das Symbol, in dem in einer unüberbietbaren Weise Gott ist. Er hat gesagt: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9). Wie ging es dabei seinen Zeitgenossen? Die einen haben ihn "durchschaut" und bekannt: "Mein Herr und mein Gott", andere haben sich gefragt: "Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns"? Der Mensch Jesus Christus ist für uns das Symbol für Gott, für seine Liebe, für sein Erbarmen, für sein Leben. "In der sichtbaren Gestalt des Erlösers" können wir "den unsichtbaren Gott erkennen" (Weihnachtspräfation I).

 

2. Brot und Wein – Zeichen für Jesus

Um aber auch nach der Himmelfahrt ein Zeichen zu haben, durch das die gläubigen Menschen Gott finden können, nahm Jesus beim Letzten Abendmahl Brot in seine Hände und sagte: "Das ist mein Leib", und er nahm den Kelch und sagte: "Das ist mein Blut". Seit dieser Stunde können wir ihn in diesem Brot und Wein erkennen. Freilich ist damit nicht nur der unsichtbare Gott, sondern auch die einstens sichtbare menschliche Gestalt verhüllt.

Thomas von Aquin hat dies so ausgedrückt: "Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz, hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz. Beide sieht mein Glaube in dem Brote hier" (Gotteslob Nr. 546,3). Es ist das Brot seiner Gegenwart, in dem die Fülle seines Lebens verborgen ist. Wer dieses Brot mit dem Auge des Glaubens "durchschaut", erkennt hinter der Hülle Jesus selbst, den wahren Gott und wahren Menschen.

3. Warum aber nahm Jesus Brot in seine Hände?

Warum wollte er in Brot unter uns sein? Warum feiern wir das Gedächtnis an ihn mit diesem Zeichen? Hätte er nicht auch etwas anderes zum Zeichen seiner Gegenwart machen können? Durch das Wunder der Brotvermehrung hat er ohne Zweifel seine Jünger darauf vorbereitet.

Man kann einige Gründe anführen, die ihn bewogen haben, Brot und Wein zu nehmen.

Brot und Wein sind der Inbegriff der Nahrung, die der Mensch braucht: Er lebt davon. Er stärkt sich damit. Das Fehlen der notwendigen Nahrung macht müde und kraftlos. Gesunde und genügend Nahrung kräftigt den Leib und macht ihn leistungsfähig. Jesus nahm Brot und Wein um zu zeigen, dass er in uns wie eine Nahrung wirksam werden möchte, die uns kräftig und leistungsfähig macht im Guten. Wie oft sind wir kraftlos, müde, zu wenig engagiert. Durch das "Brot des Lebens" will Jesus uns Stärkung sein auf unserem "weiten Weg", den wir zu gehen haben zum Ziel. Wenn wir in jeder Messe Brot und Wein auf dem Altar bereiten, sollen wir bedenken, dass dies geschieht, weil sie für uns in der Kommunion zur Nahrung des ewigen Lebens werden sollen.

Brot und Wein sind Zeichen der Gemeinschaft: Wir essen nicht bloß, um uns zu sättigen. Nur das Tier frisst sich an, bis es genug hat. Der Mensch hält Mahl. Wir machen oft einen Besuch. Da gehört es selbstverständlich dazu, dass man wenigstens eine Kleinigkeit isst oder trinkt, nicht bloß wegen der Sättigung, sondern wegen der Gemeinschaft, die im gemeinsamen Essen und Trinken ihren Ausdruck findet. Jesus nahm bei einem Mahl Brot und Wein, um damit anzudeuten: Ich will die Menschen, die an mich glauben, beim Essen und Trinken dieses Brotes und Weines zu einer Gemeinschaft zusammenführen. Schon vom Beginn der Messe an bilden wir eine versammelte Gemeinschaft, die vertieft werden soll durch das gemeinsame Beten und Singen und durch das Hören des Wortes Gottes. Sie wird aber vollendet in der Eucharistie. Brot und Wein werden im Hochgebet zur geistlichen Speise und zum geistlichen Trank, um uns in der Kommunion zur Einheit zusammenzuführen. Der Herr selber ist es, der uns eint. "Ein Brot ist es, darum sind wir alle ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot" (1 Kor 10,17).

Jesus nahm Brot und Wein, um Gabe für uns zu werden: Brot und Wein sind dazu bestimmt zu vergehen. Man bereitet sie nicht, um sie anzuschauen, sondern um sie zu essen. Sie verlieren ihre Existenz als Speise und Trank, wenn sie gegessen und getrunken werden. So wollte auch Jesus Brot sein "für das Leben der Welt". Er ist für uns Mensch geworden, für uns gestorben, für uns auferstanden. In diesem Sich-Verlieren hat er seine Lebensaufgabe gesehen und erfüllt: in der Liebe zu den Armen und Kranken, in der Verkündigung, in seinem Sterben am Kreuz. Denn in einer letzten Weise wurde er Brot für die Menschen, als er am Kreuz für uns starb und sein Leben für uns hingab. Deshalb sind Brot und Wein so gut geeignet, sein Sterben am Kreuz zu versinnbilden. Und darum nahm er am Abend vor seinem Leiden Brot und Wein in seine Hände ...

Brot und Wein sind schließlich auch Zeichen für unsere täglichen Mühen und Arbeiten: Wir arbeiten, um das tägliche Brot zu verdienen. Sie können daher unsere Hingabe ausdrücken: an Gott, um zu einer Gabe zu werden, "die für immer Gott gehört", und an die Mitmenschen. Brot und Wein können so uns selbst darstellen: Wir sollen uns verzehren lassen von der Liebe Gottes und von der Not der Menschen. Wenn sie zum Altar gebracht werden, sind sie Zeichen dafür, dass unser Leben hingebracht wird zum Altar, um dort vereint zu werden mit dem Brot, das Jesus Christus ist.

4. Die Gabenbereitung hat eine unverzichtbare Funktion

Der erste Teil der eucharistischen Handlung ist die Gabenbereitung. Brot und Wein werden (aus dem Kirchenraum und durch Vertreter der Gemeinde) zum Altar gebracht, der Priester nimmt sie entgegen und stellt sie auf den Altar. Dabei wird diesen Symbolen, die zu Leib und Blut Christi werden sollen, die gebührende Wertschätzung entgegen gebracht. Sie sind die höchsten Symbole unseres Glaubens. Sie haben uns viel zu sagen, wenn wir sie in diesem Teil der Messe als Symbole gleichsam zu Wort kommen lassen, wenn wir sie wichtig nehmen. Wir ahmen nach, was Jesus getan hat, denn "bei der Gabenbereitung werden Brot und Wein sowie Wasser zum Altar getragen, jene Elemente, die Christus in seine Hände genommen hat."

Schauen wir auf das Brot und auf den Kelch mit dem Wein, wenn sie der Priester bei der Gabenbereitung ein wenig erhebt oder wenn er sie uns zeigt während des Einsetzungsberichtes! Als Symbole laden sie uns in jeder Messe ein, unser Leben mit den Mitmenschen zu teilen und damit wie Brot zu werden, und sie laden uns ein, in ihnen den Herrn zu erkennen, der sich beim Letzten Abendmahl als Brot und Wein verschenkt hat.

 

Hinweis:

Es wird empfohlen, als ergänzende Lektüre folgende Nummern der "Allgemeinen Einführung" in die Messe zu lesen: 48-53 und 101-107.

Die Ansprache könnte zur Vorbereitung für die Einführung der Gabenprozession, wie sie unter Nr. 101 beschrieben ist, genommen werden. Sie hat eine enorme Bedeutung für das Verständnis der Eucharistie als "Sakrament des Altares". Dazu Johannes Paul II. im Schreiben über die Eucharistie vom 24. 2. 1980:

"Dieser liturgische Akt, den fast alle Liturgien feierlich gestalten, hat nämlich ‚seinen geistlichen Wert und seine geistliche Bedeutung’. Brot und Wein werden gewissermaßen zum Symbol für alles das, was die Gemeinde bei der Eucharistiefeier Gott zum Opfer bringt und im Geist darbietet. Es ist wichtig, dass dieser erste Akt der eucharistischen Liturgie im engeren Sinn auch im Verhalten der Teilnehmer zum Ausdruck kommt. Dem entspricht die so genannte Gabenprozession, wie sie die jüngste Liturgiereform vorsieht, wobei nach alter Überlieferung ein Psalm oder ein Lied gesungen wird. Dabei ist ein gewisser Zeitraum notwendig, damit sich alle dieses Vorgangs bewusst werden können, der zugleich durch die Worte des Zelebranten gedeutet wird".

Dr. Hans Hollerweger, Linz, 2003

 

Predigtgedanken

zum 18. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Sonntag, 3. August 2003

Erste Lesung: Ex 16,2-4.12–15

Zweite Lesung: Eph 4,17.20–24

Evangelium: Joh 6,24–35

 

"Warum man die Messe ‚Eucharistie‘ nennt"

 

Heute und an den folgenden Sonntagen hören wir die Verheißungsrede der Eucharistie aus dem Johannesevangelium. Jesus will die Juden zum Glauben an sein Wort führen: "Mein Fleisch ist eine wahre Speise und mein Blut ist ein wahrer Trank". Es gelingt ihm nicht. Wir versammeln uns Sonntag für Sonntag und feiern mit dem Brot und dem Wein, in denen Jesus sich uns schenkt. Wie wenig wissen wir von diesem Brot! Wie wenig bedenken wir, wie Jesus dadurch in unser Leben eingreifen will! Wie wenig haben wir – wie die Juden von Kafarnaum – erkannt, dass wir dieses Brot brauchen, damit wir das Leben haben!

Heute stellen wir uns die Frage: Warum nennen wir die Messe "Eucharistie"? Schon seit etwa dem Jahre 100 ist dieser Name gebräuchlich. Er bedeutet übersetzt: Danksagung. Warum bezeichnen wir die Messe als eine Dankesfeier?

1. Dank setzt beschenkt werden voraus

Danken ist reagieren auf ein Geschenk. Man sagt im Leben nur dann "danke", wenn man beschenkt worden ist. Man dankt für eine Hilfe, die man erfahren hat; für eine Freude, die bereitet wurde; für die Verbundenheit mit einem Menschen; für das Leben selbst, wenn man z. B. den Eltern zu einem ihrer Feste gratuliert.

Der Mensch ist ja in vielfacher Weise ein Beschenkter. Das Kostbarste, das er hat, das Leben, hat er nicht aus sich selbst, es ist ihm geschenkt worden. Er "verdankt" es seinen Eltern. Dass er weiterleben kann, "verdankt" er der Nahrung, die er zu sich nimmt, der Luft, die er ständig einatmet. Ohne fortdauernd die Außenwelt in sich aufzunehmen, kann er nicht leben. Aber leben bedeutet für den Menschen vor allem zusammenleben mit anderen. Was aber dieses Zusammenleben schön macht, kann er sich nicht selbst erwerben, und er kann es sich schon gar nicht kaufen: Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Gemeinschaft. Er kann und muss vieles dazu beitragen, aber letztlich ist das, was das Leben schön macht, ein Geschenk der Mitmenschen. Und gerade diese Geschenke machen das Leben lebenswert. Das ist schon Anlass genug, dankbar zu sein und an besonderen Gedenktagen zu bedenken, wie man beschenkt ist, und sich darüber mit den Mitmenschen zu freuen. Weil sich dieses Beschenktwerden vor allem im Kreis der Familie abspielt, gibt es in der Familie im Laufe des Jahres Feste, die man feiert: Geburtstage, Namenstage, Hochzeitstag u. a.

Als Christen haben wir erkannt, dass uns Gott beschenkt. Er hat uns vor allem beschenkt durch die Menschwerdung und die Erlösung Jesu Christi. Er ist für uns gestorben, er hat uns eine Zukunft eröffnet. Wir brauchen nur die Schriften des Neuen Testamentes aufschlagen und nachlesen, was Jesus für uns getan hat. Wir können aber ebenso lesen, wie dankbar die Christen der ersten Zeit für Jesus gewesen sind.

"Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr in allem reich geworden seid in ihm" (1 Kor 1,4-5).

So wie in der Familie kommen wir auch als Christen zusammen, um zuerst zu bedenken, was Gott für uns getan hat. Im Wortgottesdienst hören wir von seinem Handeln im Laufe der Geschichte – und wir bedenken dies. Im Hochgebet wird vor allem in der Präfation auf seine Heilstaten verwiesen entsprechend dem Fest oder der Kirchenjahreszeit. Dieses Bedenken führt zum Danken.

Wenn jemand sein Christsein bloß als eine Last auffasst, als die Erfüllung von auferlegten Pflichten, wenn jemand meint, er müsse nur Gebote halten und dürfe als Christ im Gegensatz zu anderen nicht tun, was er will: Wie kann er dann Gott danksagen? Wie kann er "Eucharistie" feiern? Sonntag für Sonntag kommen wir zusammen, um Gott für die Erlösung zu danken: "Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen". Das ist die Begründung, warum wir Eucharistie feiern.

 

2. Wie können wir Gott danken?

Wenn wir uns als Menschen und als Christen beschenkt wissen, werden unsere Messfeiern einen frohen Charakter haben. Unser Beten und Singen sind Ausdruck dieser Dankbarkeit. Schon im Wortgottesdienst sprechen wir diesen Dank aus. Nach der Lesung sagen wir: "Dank sei Gott", und im Evangelium rufen wir Christus als Reaktion auf seine Gegenwart zu: "Ehre sei dir, o Herr. Lob sei dir, Christus". Aber das eigentliche Dankgebet ist das Hochgebet. Der Priester ruft die Versammelten auf: "Lasst uns danken dem Herrn, unserm Gott", und wir stimmen zu: "Das ist würdig und recht". Und erst mit der Zustimmung des Volkes beginnt der Priester das Dankgebet: "In Wahrheit ist es würdig und recht, dir immer und überall zu danken ..." In diesem Dankgebet wird immer wieder gesagt, was Gott für uns durch Jesus Christus getan hat, bis es schließlich in den Lobpreis ausklingt: "Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre". Und wieder stimmt das Volk mit dem "Amen" der Danksagung zu.

3. Eucharistie: Gabe der Dankbarkeit

Warum aber bezeichnen wir Brot und Wein als Eucharistie, als Gabe des Dankes? Wenn der Priester den eben angeführten Lobpreis spricht (oder besser: singt), hebt er zugleich die Gaben empor, um sie dem Vater im Himmel, dem der Lobpreis gilt, entgegenzuhalten, sie ihm darzubringen. Brot und Wein, zu Leib und Blut Christi geworden, sind unsere Gabe der Dankbarkeit für den himmlischen Vater. Der Ausdruck, der dafür in jedem Hochgebet verwendet wird, ist: "Wir bringen dar".

Dies ist eigentlich eine urmenschliche Gebärde. In unserem Leben machen wir es ständig ebenso: Wenn wir einem Menschen in besonderer Weise Dank schulden, dann sagen wir ihm dies nicht bloß mit Worten, sondern geben ihm auch (zum Geburtstag, zum Namenstag, zum Muttertag ...) ein Geschenk als Ausdruck der Dankbarkeit. So dürfen und können wir doch auch Gott gegenüber unseren Dank auf menschliche Weise ausdrücken, nicht bloß mit Worten, sondern auch mit einer Gabe. Freilich: welche Gabe könnte Gott gefallen und annehmbar sein? Es gilt nämlich, was im Lied ausgedrückt wird: "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr" (Gotteslob Nr. 621,1). Doch in Brot und Wein gibt sich Jesus selbst in unsere Hände und so können wir zu Gott sagen: "Von deinen Geschenken und Gaben" bringen wir dir das Brot des Lebens und den Kelch des Heiles dar. Es ist ja der "geliebte Sohn", an dem der Vater sein Wohlgefallen hat, und den er aus unseren Händen annimmt, obwohl wir sündige Menschen sind.

Doch das ist die höchste Würde der versammelten Gemeinde, dem himmlischen Vater diese Gabe darzureichen, Lobpreis und Dank damit zu verbinden und dadurch auch den Segen dieser Gabe zu erbitten. Ein Kirchenvater hat es einmal so ausgedrückt: "Wir sind nicht Menschen mit undankbarem Herzen; das Zeichen unserer Dankbarkeit ist das Brot, das man Eucharistie nennt" (Origenes).

 

4. Der schuldige Dank

Die Dankbarkeit ist die schönste Haltung des Menschen. Oft bekennen alte Menschen: "Jeder Tag ist ein Geschenk!" Ist nicht für uns alle jeder Tag ein Geschenk? Ist nicht das Leben ein Geschenk? Manchmal empfinden wir freilich das Leben als Last und als Kreuz. Das sind die Wolken, die die Sonne verdecken. Der gläubige Mensch weiß, dass ihm alles zum Besten gereichen wird, wenn es auch oft schwer zu glauben ist. Seien wir Menschen mit dankbarem Herzen, Menschen, die bedenken, wie viel ihnen im Leben an Gutem und Schönem geschenkt wird; Menschen, die bedenken, wie reich sie Gott beschenkt hat durch den Glauben an Jesus Christus. Dann werden wir auch verstehen, dass wir Sonntag für Sonntag zusammenkommen müssen, um Gott zu danken, indem wir Eucharistie feiern.

Dr. Hans Hollerweger, Linz, 2003

 

 

Predigtgedanken zum

19. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B

Sonntag, 10. August 2003

Erste Lesung: 1 Kön 19,4–8

Zweite Lesung: Eph 4,30 – 5,2

Evangelium: Joh 6,41–51

 

"Führe uns im Heiligen Geist zur Einheit zusammen".

 

1. Die Einheit – Problem für den Menschen

Es ist für den Menschen schwer, Frieden zu halten und in Einheit zu leben. Wir brauchen nur in die Welt hinausschauen: die Trennung zwischen dem reichen Norden und den armen Ländern im Süden, die Kriegsherde im Vorderen Orient, in Afrika... Nicht weniger groß sind die Schwierigkeiten, die innerhalb eines Landes zwischen den verschiedenen Interessensverbänden auftreten. Wie es im Großen ist, so ist es auch im Kleinen: Wo Menschen zusammenleben, gibt es so vielfach Streit, Unfrieden, Hass in den Familien, in den Nachbarschaften, in den Betrieben ... Dies alles sagt uns: Es ist für den Menschen schwer und gar nicht selbstverständlich, dass er in Einheit und Frieden zusammenlebt, den Egoismus zu überwinden, zurückzustehen zugunsten des Mitmenschen, auf einen Vorteil zu verzichten. Dabei verwirklicht der Mensch sich selbst gerade dadurch, dass er für den andern da ist. Nicht der Egoist ist der ideale Mensch, sondern derjenige, der bereit ist, sein Leben herzugeben, selbstlos für den Mitmenschen da zu sein. "Von dem kann man was haben", ist ein großes Lob. Ein "guter Mensch" ist nach dem allgemeinen Verständnis derjenige, der bereit ist zu teilen. In der Hinwendung zum Nächsten, in der Nächstenliebe wird der Mensch erst Mensch. Jesus hat es so gesagt: "Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen" (Lk 17,33). Wie viele Mütter und Väter "verlieren" Tag für Tag ihr Leben ganz selbstverständlich für ihre Kinder, wie viele arbeiten selbstlos in ihrem Beruf, wie viele tun es in außergewöhnlicher Weise im Dienst an den Kranken und Notleidenden! Aber nur in dieser Selbstlosigkeit wird und erstarkt die Einheit und erhält das Leben einen Sinn.

2. Jesus Christus hat sich für uns hingegeben

In der heutigen (Zweiten) Lesung (aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser) werden wir gemahnt, die Einheit zu leben: "Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat. Werdet Gott ähnlich als seine geliebten Kinder und übt die Liebe, weil auch Christus uns geliebt, uns sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefällt." (Eph 4,32 - 5,2). In dieser Mahnung stellt der Apostel Paulus Christus als Vorbild hin. Er ist ja gekommen, die Menschen, die durch die Sünde getrennt waren, zur Einheit zusammenzuführen. Unermüdlich verkündete er die Botschaft von der Liebe, unermüdlich hat er diese an den Kranken und Armen geübt und zuletzt diese Liebe zu den Menschen am Kreuz besiegelt. In seiner Nachfolge waren die Christen der ersten Generation "ein Herz und eine Seele". Sie teilten den Besitz und hatten alles gemeinsam; Notleidende gab es nicht unter ihnen. Die gegenteilige Einstellung nennt Paulus in der Lesung eine Beleidigung des Geistes Gottes: "Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung". (Eph 4,30).

Dieses Siegel haben auch wir in der Taufe empfangen. Sie hat uns eingegliedert in die Gemeinschaft der Kirche. Dies bedeutet für uns nicht eine Mitgliedschaft, sondern eine Lebensform: Wer eingegliedert wurde in die Gemeinschaft, ist dazu bestimmt, sein Leben auf die Gemeinschaft hin auszurichten. Wir wurden eingegliedert, damit wir selbstlos leben und unseren Egoismus überwinden. Wie können wir dies ständig verwirklichen? Wer gibt uns ständig die Kraft dazu? Wo werden wir immer wieder an unsere Bestimmung erinnert?

 

3. Die Eucharistiefeier ist Versammlung

Wir kommen jeden Sonntag zur Messe zusammen, um zusammenzufinden. Das ist auch in unserem Gottesdienst nicht ganz leicht. Mancher meint, er könne allein besser beten; die einen möchten alte, die andern möchten neue Lieder singen ... man möchte sich nicht zu nahe kommen etwa durch den Friedensgruß; man möchte lieber mit Gleichgesinnten feiern ... Das Ideal des christlichen Gottesdienstes ist aber darin zu sehen, dass die Gläubigen trotz aller Verschiedenheit in Alter, Beruf oder Stand sich gegenseitig tolerieren und zu einer spürbaren Einheit werden. Das gemeinsame Beten und Singen und die Atmosphäre, die in unserem Gottesdienst da ist, müssen der Ausdruck sein, dass wir in dieser Stunde zusammenfinden wollen. Wie soll denn in unseren Familien und Nachbarschaften die Einheit verwirklicht werden, wenn sie uns nicht einmal im Gottesdienst ein Anliegen ist? Wie können wir den Frieden erbitten und wünschen, wenn wir uns nicht in der eigenen Zusammenkunft verstehen wollen? Der Gottesdienst führt erst dann zum Ziel, wenn er die Menschen durch denselben Glauben, durch dieselbe Hoffnung und in derselben Liebe zu Gott und zu den Menschen zusammenführt und wenn die Einheit für alle zu einer Hilfe wird, auch im täglichen Leben die Einheit zu leben.

4. Die Kommunion als sakramentale Verwirklichung der Einheit

Unmittelbar nach dem Einsetzungsbericht wird in einem der Hochgebete die Bitte ausgesprochen: "Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut, und führe uns im Heiligen Geist zur Einheit zusammen" (vgl. Zweites Hochgebet). In einem anderen Hochgebet wird dasselbe Anliegen so formuliert: "Stärke uns durch den Leib und das Blut deines Sohnes und erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus" (Drittes Hochgebet). Der Heilige Geist als die bleibende Frucht der Kommunion führt die Gläubigen zur Einheit zusammen. Der Augenblick der tiefsten Vereinigung mit Christus ist auch die tiefste Vereinigung untereinander.

Wie bedeutend die Vereinigung untereinander ist, zeig uns die Hinführung zur Kommunion durch die Liturgie. Zuerst stehen wir als Kinder des himmlischen Vaters vor ihm und beten gemeinsam das Vaterunser. Hierauf folgt der Friedensgruß, der unmittelbar vor der Kommunion die Einheit untereinander festigen und erfahrbar machen will. Im Brotbrechen soll nochmals verdeutlicht werden: "Ein Brot ist es, darum sind wir alle ein Leib" denn wir alle haben teil an dem einen Brot" (1 Kor 10,17). Durch diese Handlungen soll uns bei jeder Messe bewusst gemacht werden, was die Eucharistie erreichen will: Sie will zur Kommunion werden, sie will Gemeinschaft unter uns bewirken. Aber nicht wir bewirken diese Gemeinschaft, sondern das eine Brot, von dem wir alle essen.

 

5. Am Schluss des heutigen Evangeliums steht der Satz: "Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt" (Joh 6,51b). Zugleich haben wir bedacht, wie zerrissen unsere Welt ist. Aus dem Widerstreit kommt nicht Leben, sondern Tod. Was zur Einheit führt, bringt unserer Welt Leben. Dem Durcheinander in der Welt im Großen und im Kleinen, allem Hass und aller Zwietracht sollen wir in der Feier der Eucharistie die Gemeinsamkeit gegenüber stellen. Immer wieder sollen wir uns einfügen lassen in die Gemeinschaft mit Christus und in die Gemeinschaft der Kirche, damit wir so befähigt werden, einen Beitrag zu leisten für die Einheit unserer Welt. Der Auftrag der Kommunion ist: die Einheit zu leben!

Im Jahre 304 wurde in Nordafrika eine Gruppe von Christen wegen ihres Glaubens vor den Richter gebracht. Man hatte sie bei der Feier der Eucharistie überrascht. Als der Lektor Emmeritus gefragt wurde, warum man sich in seinem Haus trotz des ausdrücklichen Verbotes versammelt habe, gab er dem Richter zur Antwort: "Ohne das Herrenmahl können wir nicht sein". Weil uns diese Feier immer wieder zur Einheit zusammenführen will, brauchen auch wir die Eucharistie lebensnotwendig. Sie ist das Brot, das uns das Leben gibt und die Einheit schenkt.

Dr. Hans Hollerweger, Linz, 2003

 

 
 
Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an:  oeli@liturgie.at
Stand: 25. August 2008